Zehn Minuten Berlin

Berlin. Der Wind weht lau an diesem Freitagmorgen. Die Sonne verheißt einen flirrendwarmen, sommerlichen Tag. Ich nehme den Weg durch den angrenzenden Park, denn ich möchte an diesem unschuldigen Morgen die mehrspurige Hauptstraße und das besetzte Haus auf der linken Seite umgehen.

 

Auf dem Platz vor dem Park begegne ich einem Obdachlosen. In seiner Wange, seinem Kinn und seinen Nasenflügeln hat er münzgroße Löcher. Er liegt nicht auf sondern hinter seiner Stammparkbank auf dem steinigen Boden. Er beobachtet die vorbeiziehenden Wolkenfelder, doch sein Gesicht sieht man kaum, denn seine schwarzen Dreadlocks hängen ihm tief ins Gesicht. Trotz der milden Temperaturen hat er seine dunkle Wollmütze bis zu den Augen heruntergezogen. Auf andere wirkt er bestimmt ein wenig beängstigend, doch ich sehe ihn tagtäglich und habe mich an ihn gewöhnt.
Ich lasse meinen Blick über den Teich des Parks schweifen. Der mir gut bekannte Graureiher ist zum Frühstück erschienen und begutachtet die Auslage des Buffets unter der Wasseroberfläche. Anmutig spannt er seine Flügel auf und beginnt seine Jagd. Die überquellenden Mülleimer neben der steinernen Uferbegrenzung täuschen den Umstand vor, im Park läge kein weiterer Müll. Doch die sich zu Ende neigende Woche war warm und zog dementsprechend viele Sonnenanbeter mit ihren to-go-Verpackungen auf die Wiese.
Ich passiere verschmutzte und mit Graffitis versehene Bänke, an der einen fehlt eine Strebe an der anderen ist das Holz gesplittert. Ich nähere mich dem sandigen Parkausgang und spaziere an den im französischen Café sitzenden und sich entblätternde Croissants essenden Touristen und Hipstern vorbei. Meine Tramhaltestelle ist nur noch wenige Meter entfernt. Laut des kornblumenblauen Himmels und der hochstehenden Sonne sollte ich besser noch einen Abstecher in den Kiosk machen um meinen Durst zu späterer Stunde stillen zu können. Ich folge der Empfehlung der Sommerboten und greife mir eine Literflasche Mineralwasser aus dem summenden Kühlgerät. Ich bezahle und vernehme Tumulte außerhalb des Kiosks. Vor dem Geschäft stehen einige dunkle Tische und Stühle aus Holz. Am Abend tummeln sich hier die Partygänger aus aller Herren Länder um noch ein Bier vor dem Clubbesuch zu trinken oder neue Begleiter für die Nacht zu finden. An einem Morgen wie diesem sitzen hier meist Männer und Frauen, ein paar Jahre älter als im besten Alter, und trinken ihr erstes oder letztes Sternburg für den Tag.
Ich trete aus dem Kiosk und erkenne den Grund für die Tumulte: ein Sternburg-Trinker im verwaschenen T-Shirt, welches in einer befleckten Jeans steckt, brüllt einen anderen an, der an einem der Tische sitzt und leer gen Boden sieht. „Das ist doch widerlich! Wieso machst du das? Spinnst du? Murat! Komm her! Der Assi hat hier einfach auf den Boden geschifft!“
Unter dem Tisch des Mannes ist ergießt sich ein See, seine Hand verschließt gerade den Reißverschluss seiner beigen Cargo.
Mit geschwellter Brust, verpackt in einem Ferrari-roten Shirt, stapft besagter Murat aus Richtung des angrenzenden Döners-Imbisses auf die Szenerie zu. Seine Arme berühren den Oberkörper nicht, als hätte er O-Arme statt O-Beine. Mit einem Schlag fegt er die vor dem Missetäter stehende Flasche Sternburg vom Tisch. Drei Meter im Flug nimmt sie bestimmt, bevor sie mit klirrender Melodie auf dem Asphalt zerbricht und ihre Scherben zwischen dem verschütteten Bier ein glitzerndes Mosaik bilden. Ich stehe dort wie erstarrt und mein Blick wandert zu Murat, der nun wenige Centimeter von dem sitzenden Mann entfernt steht und ihn mit Schimpfwörtern bedeckt. Ich kann nur noch die hilflos schauenden Augen des Mannes sehen, welcher scheinbar unter der Decke aus Hasstiraden völlig in sich zusammensackt. Mitleid kriecht in mir hoch. Wut kocht in mir auf. Meine eigene Hilflosigkeit in dieser Situation wird mir bewusst. Ich in Konfrontation zwischen einem betrunkenen, sich kaum noch selbst helfen könnendem Mann und einem Testosteron-Gorilla reitenden Murat, der das Schreien gar nicht mehr lässt?
Ich flüchte in die heranfahrende Tram und höre eine weitere Glasflasche auf dem Gehweg zerschellen.

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