Das perfekte Lächeln: mit harten Bandagen gegen Lücken und schiefe Zähne

Meine Zähne sind gerade, meine Zähne sind ziemlich weiß. Gebleacht sind sie nicht, dafür aber durch Zahnspangen, Retainer und Kieferorthopäden malträtiert.

Ich bin in den 90ern geboren und zähle zu der einen Seite von fifty fifty. Ungefähr die Hälfte der Jugendlichen ist/war in der Behandlung eines Kieferorthopäden.

Ich habe eine Zahnspange getragen. Nein, um korrekt zu sein hatte ich insgesamt vier (!) Zahnspangen. Nun mag sich so manch einer fragen, wie groß die Baustelle in meinem Mund gewesen sein muss. Ich sage es mal ganz objektiv: es hätte völlig gereicht die Fahrbahnmarkierung zu erneuern, aber die ganze Straße aufzureißen war für den Profitnehmer reizvoller…
Begonnen mit einer losen Zahnspange für oben und unten, stellte sich der Erfolg meine kleine Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen zu schließen nicht ein. Also wurde härteres Geschütz aufgefahren: Brackets hieß die geeignete Waffe im Kampf gegen das unperfekte Lächeln.
Während die untere Kauleiste nun in Reih und Glied stand, wurde mir in Dunkelheit ein Glasfaserretainer hinter die Schneidezähne geklebt. Da dieses fantastisch innovative Material zu diesem Zeitpunkt wohl etwas zu innovativ war, riss der Retainer und ich durfte mich ein weiteres Mal mit einer losen Zahnvergewaltigungsmaschine auseinandersetzen.

Meine Zeit mit den Brackets war nicht schlimm. Oder so schlimm, dass ich es wieder verdrängt habe. Ich tippe auf zweiteres. Seit dem Abschluss meiner „Therapie“ trage ich einen metallischen kleinen Draht hinter den Zähnen. Das Versprechen, den Retainer mit dem 18. , dann mit dem 21. Lebensjahr entfernt zu bekommen wurde jäh gebrochen. Mittlerweile wird mir die Wahrheit gesagt: Nämlich dass ich ewig und drei Tage mit diesem stainless Störfaktor im Mund durch die Gegend rennen werde.

Alle paar Jahre gehe ich zum Kieferorthopäden um Klebestellen überprüfen oder erneuern zu lassen. Und dann sehe ich diese armen Seelen, die wirklich denken, sie hätten eine Zahnspange nötig. 14-Jährige Jogginghose tragende Mädchen mit bauchfreiem Hoodie mit der Sehnsucht nach einem Gebiss wie Kylie Jenner, Taylor Swift, oder jeder andere x-beliebige Star. 45-Jährige Karrierefrauen die endlich das heiß ersehnte, gepflegte Lachen realisieren lassen wollen. Da werden die Spangen kurz vor Weihnachten neu justiert, sodass die Ärztin nach Verlassen der Patientin darüber philosophiert, ob die Dame denn überhaupt ihr Mittagsessen kauen werden kann. Haha. So lustig.

Dieser Wahn nach dem perfekten Einheitslächeln ist so bescheuert. Ich glaube, dass meine Zähne sich an die Stirn tippen würden, wenn sie könnten. Sie werden künstlich an Ort und Stelle gehalten, wo sie gar nicht sein wollen. Natürlich rät einem jeder Kieferorthopäde davon ab, die Retainer zu entfernen. Wären ja auch schön blöd, ihr eigenes Geschäftsmodell zu torpedieren.

Und zu allem Überfluss wird dann noch drauflos gebleacht, dass der Zahnschmelz kracht. Frau Doktor, diesmal ein wenig mehr vom Wasserstoffperoxid, Alpinaweiß ist nicht weiß genug! Manchmal sehe ich Menschen im Fernsehen, bei denen man den einzelnen Zahn gar nicht mehr sehen kann, weil deren Lächeln wie ein gleißender Sonnenstrahl das Auge trifft. Das wirkt nicht gepflegt, so wie viele immer gern behaupten, das wirkt billig. Wie eine 2,50€ Barbie aus dem Discounter.

Gegen ein schönes gesundes, von mir aus auch künstlich fabriziertes, weißes Lächeln hat doch keiner was gesagt. Und wenn man eine wirklich Baustelle im Mund hat, dann verstehe ich, dass es medizinisch relevant ist einzugreifen. Aber dass jedem Hans und Franz ein 0815 Lächeln verpasst wird, weil keiner mehr mit einem schiefen Zahn leben kann, ist Irrsinn. Schaut doch mal den Sängerinnen und Sängern aus den 70ern (besipielsweise) auf die Zähne und sagt mir, ob es wirklich so schlimm war, als nicht jeder Kieferorthopäde eine Yacht besaß.

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