Berlin

Wenn sich in Berlin nicht mehr nur die Touristen danebenbenehmen, sondern auch die lieben Nachbarn aus Brandenburg

Gestern Nacht, halb eins, Berlin Mitte:
Geflohen aus einer Bar und vor einer Horde Mädchen, die ihren
männlichen Begleitern ein „Du spinnst doch! Zu dick! Du bist doch
suuuuperschlank!“ abringen wollten, nahmen wir die fünfminütige
Wanderung auf den Prenzlauer Berg auf uns. Vorbei an der
wunderschönen Zionskirche begegnete uns ein Mann, der mit dem Rücken
zur Hauswand gedreht war. Zwischen seinen ausgelatschten Treten
ergoss sich langsam aber stet ein See. Ich starrte ihn an und
unterbreitete ihm fassungslos folgenden Vorschlag: „Nicht dein
Ernst! Wenn du dich einmal umdrehst, steht da ein Baum. Auch das wäre
nicht sehr schön, wenn du in der Öffentlichkeit, in einer Gegend
mit vielen Kindern gegen einen Baum pinkeln würdest. Aber: das wäre
noch gefühlte eine Million Mal besser, als gegen ein Fenster eines
Spielwarengeschäftes zu urinieren!“

Meine beste Freundin wies
mich, genauso erbost wie ich, darauf hin, dass der Hornochse bestimmt
nicht einmal Deutsch könne und das nur wieder ein Tourist sei, der
Berlin wie eine Mülltonne behandle. Doch dagegen wehrte sich der
Hallodri (wenn auch mit etwas verzögerter Reaktionsfähigkeit): „Ich
bin kein Touri! Ich bin Brandenburger, ihr Schnepfen!“ Ich
verabschiedete mich mit „Deine Mama tut mir so unendlich leid!“
und zog mit meiner Freundin von dannen. Der Hallodri bedankte sich
mit „Du willst doch nur mit mir f***en!“. Wenn ich eines mit
Bestimmtheit sagen kann, dann, dass ich nicht mit jemandem, der gegen
Fensterscheiben uriniert und dann auch noch das unerschütterliche
Selbstbewusstsein eines Kokainabhängigen hat, Sex haben möchte.
von Adolph Knigge (Deutsches Textarchiv aufgerufen am 1. Juli 2013)
Gut, an diesem Abend schien der Druck
auf die Blasen enorm 
zu sein, denn nur drei Minuten später liefen
wir dem nächsten Idioten über den Weg. Der machte aber mehr
aufgrund seiner Dummheit von sich reden, als von seiner Dreistigkeit.
Denn die Scheibe, an der er sich erleichterte, war die der
Polizeiwache…. Ich machte ihn darauf aufmerksam und fragte ihn, ob
seine Mama ihm nicht von der Existenz der Toilette berichtet habe.
Damit traf ich wohl einen Nerv und er wehrte sich mit Beschimpfungen
über dieses versnobbte Berlin Mitte (in dem wir uns wieder befanden)
und in dem er sich ja sichtlich so wohl fühlte, dass er nicht mit
einer schüchternen Blase zu kämpfen hatte. Bei ihm in Brandenburg
würde sich da keiner beschweren..
Wenn diese Abneigung gegen Respekt- und
Gedankenlosigkeit Snobismus ist, dann bin ich wohl

oder übel ein
Snob. Ich nenne es lieber die Grundregeln des Benehmens, aber gut…

Ich hoffe diese Menschen machen
irgendwann einmal in einem ihrer Alkoholdelirien ins Bett und wachen
morgens in ihrem eigenen Urin auf. Vielleicht hilft das.  

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