Berlin,  Frausein,  Gesellschaft

Mein Obdachloser und ich.

Drei obdachlose, einsame Männer, die einander in dieser kalten und fiesen Welt als kleine Familie Halt schenken. Um sie herum: schicke Leute, die in noch schickeren Designer-Boutiquen am ach so schicken Rosenthaler Platz ihr Geld verprassen.

Das ist die Basis eines überaus rührseligen Artikels, der heute auf bz-berlin.de online gegangen ist. Wirre Geschichten werden für vielleicht-wahr verkauft und seltsame Parallelen zu Kunstfiguren und US-Amerikanern gezogen. Drogenkonsum wird irritierend verklärt und eine Szenerie des fehlenden Mitleids erschaffen.

Mitleid für so einen Mann?

Wenn ich nicht selbst sechs Jahre lang am Rosenthaler Platz gewohnt hätte, hätte ich diesen Artikel (wenn überhaupt) einmal gelesen, den Kopf geschüttelt und zur Seite gelegt.

Dass zu wenig in Berlin für Obdachlose getan wird, steht außer Frage. Wie oft ich in der Bahn schon angebettelt oder mir die Motz verkauft wurde, kann ich in einer Million Jahre nicht zusammenzählen. Doch hier werden nicht die stillen Menschen mit ihren ehrlichen Schicksalen gezeigt. Hier wurde einfach nur der, in diesem Falle I., porträtiert, der am lautesten schreit. Der am meisten auffällt. Der sich ohne Scham aufdrängt. Der jedem bekannt ist, der sich öfter in der Gegend um den Rosenthaler Platz aufhält.

Ich wohne jetzt seit einem Jahr nicht mehr am Rosenthaler Platz. Aber als ich das Bild von I., den im Rollstuhl sitzenden, einbeinigen Obdachlosen sah, kam es mir gelinde gesagt hoch. Ich wurde tagtäglich mit diesem Mann konfrontiert. Und das auf eine Weise, die absolut kein Mitleid für diesen Mann übrig ließ.

Hand anlegen

I. bettelte nicht einfach. Er rollte die Brunnenstraße und Invalidenstraße rauf und runter und blökte Passanten an, ob sie ihm nicht gefälligst etwas geben könnten. Wenn sie es nicht taten, beleidigte er sie wutentbrannt mit allem was nicht jugendfrei ist. Einmal kam ich vom Einkaufen aus dem Supermarkt in der Ackerhalle und I. holte sich am helllichten Tag mitten auf der Invalidenstraße zwischen Kindern und ihren Eltern einen runter. Um dem Erlebnis noch die Ekel-Kirsche aufzusetzen raunte er meinem vorbeieilendem Ich „Hmmmmm… Geiler Arsch!“ zu. Wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe, lässt sich kaum beschreiben. Angewiderter war ich nur ein einziges Mal in meinem Leben. Und das soll als Berlinerin, die im Sommer schon mit Sandalen in Hundescheiße getreten ist, etwas heißen. 

Darf man das als Obdachloser?

Nach dieser Geschichte, hatte es I. scheinbar ein wenig auf mich abgesehen. Jedes Mal wenn ich ihm begegnete, und das war weiß Gott nicht selten, wurde ich mit irgendeinem Zuruf belästigt. Ob nun ein einfaches „Geil“, ein derbes „Ey du Schlampe“ oder ein nicht ganz so freundliches „Boah du fette Sau! Fetter Arsch!“, alles war dabei. Einmal habe ich zurückgeschrien, doch ich war die einzige, die komisch angeschaut wurde. Muss ich so ein Verhalten etwa akzeptieren?
Irgendwann wurde es meinem Freund zu bunt und er bat I. damit aufzuhören mich immerwährend zu beleidigen. Was nett gemeint war, gipfelte ein paar Wochen später in folgender Attacke:

Wir hatten unseren Wocheneinkauf mit unserem Auto erledigt und parkten vor unserer Wohnung. I. kam vorbeigeschoben und verlangte eine Spende von uns. Nachdem wir wieder einmal ablehnten, fing er an zu brüllen, uns aufs niedrigste zu beleidigen und spuckte uns mehrfach in riesigen Flatschen auf die Windschutzscheibe. Sein schaumiger Speichel lief das Glas herunter und sammelte sich auf den Scheibenwischern. Damit sind wir bei meiner Nummer eins der widerlichsten Situationen meines Lebens angekommen.

Zeig gefälligst etwas mehr Mitmenschlichkeit! Sag Adé zu Vorurteilen!

Und nun wird dieser kilometerlange Artikel auf bz-berlin.de veröffentlicht und will mir Verständnis abverlangen und Schuldgefühle für eben diesen Mann einreden. Nö. Ohne mich. Allein dieser anklagende Tonfall, dass niemand I. in den U-Bahnhof heruntergetragen habe. Wenn jetzt alle mal ehrlich zu sich sind: Wer von euch würde einen pöbelnden Junkie mit offenen, eiternden Wunden mehrere Treppen in einen U-Bahnhof schleppen, damit er sich dort den nächsten Schuss Heroin setzen kann? 

Der Traum dieser kleinen Familie um I. sei ein feste Bleibe; aber bitte kein Heim, wo andere Abhängige seien, die klauen und streiten würden. Klingt stark nach Vorurteilen, nicht wahr?

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